Digitalisierung im Krankenhaus

Interaktive Prozesse für mehr Patientenzeit und weniger Kosten

Zusammenfassung

7Just Ebbesen, CEO des Kalnes Hospital sagt: »Unser Krankenhaus ist führend in serviceorientierter Innovation.», also dem Vereinfachen, der Verfügbarkeit von Informationen, einem Arbeitsprozess der immer näher an den Patienten rückt, dem Verwenden von handelsüblichen Technologien und dem Einsatz mobiler Mitarbeiter. Besser könnte man den Ansatz von Lightweight ICT zwecks interaktiver Prozessoptimierung in Echtzeit mit hohem ROI nicht beschreiben.

Einleitung

Im Zeitalter des Pflegekräftemangels, der Inklusion und der mangelnden Sicherstellung der Versorgung für alle kann die Digitalisierung den Fachkräften echte Arbeitserleichterungen, den Direktoren Erlösoptimierung und den Patienten eine verbesserte medizinische Versorgung ermöglichen. 8 Doch vielen im Gesundheitssektor fehlen die Investitionsmittel. Es bedarf einer Lösung, die einen effektiven Nutzen für den Patienten, das Personal und die Finanzkasse bringt.

Das sog. 1interaktive, interdisziplinäre Versorgungsmanagement in Echtzeit hegt eben diesen Anspruch: Weniger Kosten, bei gleichzeitiger Qualitätsverbesserung und Steigerung der Patientenzeit in Echtzeit unter Berücksichtigung der Menschenrechte und losgelöst von Management in Silos. Dabei steht es nicht gänzlich der Philosophie des Lean Healthcare Management Ansatzes entgegen, sondern geht weit über diesen hinaus. Es berücksichtigt den Grundsatz 3„jede Sekunde kann überlebenswichtig sein“ und basiert auf der Denkweise, dass eine effektive Optimierung nur dann gelingen kann, wenn die eingesetzten IT – Tools eine effektive Arbeitserleichterung und Hilfe darstellen und die Informationen möglichst automatisch und adressatengerecht in Echtzeit erfolgen. Anhand der Information zur „richtigen Zeit am richtigen Ort in der richtigen Form“ kann der Nutzer die richtige Entscheidung treffen. Die Folgen dieser Praxis sehen wir in den modernsten Kliniken Europas, welche in Skandinavien beheimatet sind: Einsparungen von 44 Min Patientenzeit pro Pflege pro Schicht im Notfall, 250K Euro durch den Einsatz von Warteschlangenmanagement und viele mehr.

Digitalisierung in Krankenhäusern

Bevor diese neue Art der Prozessoptimierung mittels IoT genauer beleuchtet wird, muss nachfolgend der Begriff Digitalisierung in diesem Kontext geklärt werden.

Digitalisierung meint hier, das Zusammenspiel einer nachhaltigen, innovativen und bezahlbaren Infrastruktur mit automatisierten und an die Prozesse angepassten adressatengerechten Informationsflüssen und Kommunikationswegen, welche mittels Lightweight ICT für die Nutzer benutzbar gemacht werden und welche via dieser mit der Heavy ICT (Kassensysteme, KIS etc.) kommunizieren. Es beschränkt sich nicht nur auf das Krankenhaus selbst, sondern kann auch interdisziplinär nach Außen hierüber agieren. Digitalisierung wird hier nicht nur als der Einsatz von IT und Technik verstanden, sondern auch deren bestmögliche Nutzung.

Die Grundpfeiler der interaktiven Prozesse

1Diese neue Art der Prozessoptimierung mittels Lightweight ICT und der damit einhergehenden adressatengerechten Kommunikation- und Information stützt sich auf drei Grundpfeiler:

  1. Infrastruktur
  2. Datenqualität
  3. Interaktives und interdisziplinäres Prozessdesign und die Auswahl der geeigneten Tools

Infrastruktur

4Die Informationsinfrastruktur wird als «eine gemeinsame, offene (und unbegrenzte), heterogene und sich entwickelnde soziotechnische installierte Basis, die aus einer Reihe von IT-Fähigkeiten und deren Benutzern besteht, wie Operationen und Design» verstanden. Die Digitalisierung kann folglich nur dann effizient sein, wenn man sie auf einem soliden Fundament baut. Eine einfache Regel besagt: Je früher man die Digitalisierung in die Planung von Bauvorhaben einbringt, desto höher ist das Einsparpotential.

Die universelle Verkabelung wird durch Universelles WiFi ersetzt.

Dieses muss sodann auch den neuen Anforderungen genüge tun.
Wo immer wir Kabel durch Luft ersetzten, müssen wir die nachfolgenden Punkte sicherstellen:

  • Einhaltung des weltweiten Standards (z.B. 2.4 GhZ , max. 100 Milliwatt)
  • WiFi mit Garantie für Telefonie, Daten und Ortung
  • No-Sim-Karte-Telefonie für mobile Geräte
  • Bring your own Device Philosophie
  • RFID mittels Ultraschall und Bluetooth statt alten RFID Antennen oder reinem WiFi

So konnten unter anderem 40.000 CHF in 5 Jahren allein durch die No Sim Kart Telefonie, die Nutzung des Smartphones als Arbeitswerkzeug: Pager, Weglaufsicherung und- Notrufalarmierungsmessanger etc. eingespart werden. Ebenso gegenüber herkömmlichen Installationen mehr als ein Drittel der Kosten (ohne Rabatte, lokale Installation, keine Cloud IT).

Lightweight ICT und Heavy ICT

Auch ist es nicht mehr nötig eine einzelne Plattform je Organisation zu installieren. Gemeinden und Länder oder größere Gruppen können mit diesen Lightweight Prozesstools auch ihre gesamten Kliniken, Heime und Sozialstationen in einem Datencenter verwalten. Die technische Skalierbarkeit und die Voraussetzung für den Datenschutz in diesem sensiblen Umfeld sind vorhanden. In Skandinavien werden bereits ganze Regionen zentralisiert verwaltet.

Wieso sind die z.B. das Ahus oder das Kalnes Hospital diesen Schritt gegangen?

5Heavy ICT (also KIS, Kassensysteme, Buchhaltung etc.) Lösungen sind sowohl an die IT Infrastruktur (Server, Cloud, IT Governance etc.) als auch an das Spezialwissen der IT Einheiten und Entwickler geknüpft. Nur durch diese kann eine Umsetzung der Kontinuität v.a. in den Punkten Sicherheit und Verlässlichkeit gewährleistet werden. Hinzu kommt, dass diese Lösungen mit der Geschäftslogik und den Datenzugriffsschichten interagieren. Lightweight ICT (Plattformen mit Widgets, Apps etc.) hingegen ist eine nichtinvasive Lösung, deren Interaktion auf der Präsentationsebene stattfindet.

Folglich kann sie als Ergänzung zur bekannten Heavy ICT verstanden werden, weil sie auf Basis kostengünstigerer Technologie, die «einfachen, unmittelbaren Bedürfnisse des Benutzers während des Arbeitsprozesses» unterstützt.

6Die Vorteile solcher Plattformen sehen wir u.a. in Ökosystemen von Google, Apple und Amazon. Die Plattform selbst ist stabil, während die Apps und Widgets auf den Smartphones, Tablets, Whiteboards etc. variieren. Diese Modulbauweise ermöglicht ein flexibles Agieren im Prozessdesign trotz standardisierter Soft- und Hardware.

Abbild 1 vereinfachte Übersicht der Funktionalität zwischen Heavy und Lightweight ICT sowie den daraus resultierenden Prozessen

Interaktives und interdisziplinäres Prozessdesign und Nutzerorientierung

8Besonders kritisiert wurden laut einer Studie in der Unternehmensberatung Roland Berger aus dem Jahr 2017 in deutschen Krankenhäusern „die mangelnde Benutzerfreundlichkeit der klinischen IT-Systeme, die unzureichende Performance, der Mangel an Funktionalität sowie veraltetete beziehungsweise umständliche Abläufe“.

Diese Kritik zeigt deutlich, dass das Prozessdesign und die Nutzerorientierung in vielen Krankenhäusern noch nicht dort stehen, wo sie sein könnten. 1Dank dem Einsatz von Widgets auf elektronischen Whiteboards und Apps, Messaging und Orchestration Service, Visual Health etc. können diese Bedürfnisse nutzergerecht abgefedert werden, gar die Möglichkeit der visuellen Anpassung gegeben werden. Auch kann alte Software, z.B. auf Rich Client, in HTML 5 umgewandelt und somit deren Informationen in besseren Arbeitsabläufen nutzbar gemacht werden. Ebenso können Apps der Kliniken integriert werden.

Hervorzuheben ist, dass die Systematik für alle Services eingesetzt werden kann: Reinigung, Monitoring technischer Aufgaben und Alarme, Labor Pflege etc.

Der Unterschied selbst liegt im Design der Ansichten für jedes Userlevel.

In Skandinavien arbeitet man mit Visi, einer Software für das elektronische Whiteboard mit Touchdisplay, welches als Ersatz für Flipcharts dient.

Mobilix ist das Pendant hierfür für das Smartphone oder das Tablet (Android, OS und Windows) sowie weiteren Modulen.

Datenqualität und Fazit

Die Datenqualität wird mit zunehmender Digitalisierung eine wichtige Schlüsselrolle in diesem System zukommen. Bereits heute fehlen Data Stewards und Management. Millionen gehen hier verloren. Wenn man modular peu à peu auf standardisierte Lightweight ICT mit Data Stewardship und Management umstellt, können auch Deutsche Kliniken von diesen Systemen profitieren und ihre Schiffe wieder auf Erlös-Erfolgs-Kurs setzten. Neue Erfindungen sind nicht zwingend nötig, wenn man bewehrtes „eindeutschen“ kann. Bereits 2017 wurden diese in Zusammenarbeit mit Imatis für den DACH Raum vorbereitet.

Danksagung

Einen besonderen Dank gilt dem Kalnes Hospital in Ostfold (Norwegen) für die Referenzbesuche, die Fotos und Beantwortung aller Fragen. Anund Rannestad und Morten Andresen (www.imatis.com) für die Bilder, sowie die zahlreichen Stunden im Prozessdesign, Innovation und der Weiterentwicklung für den DACH Raum.

Literatur

[1] H. Bock: Real Time Process Management Tools – the Key to Success of the World’s Most Digitalised Hospitals, 21. 11 2017. ZHAW Lecture Series, Zürich, Zürich, Schweiz

[2] Krug, L. MAINZER MANAGER. [Online] [Zitat vom: 04. 02 2018.] http://mainzer-manager.de/lean-healthcare-management/.

[3] H. Bock.: Healthcare and workplace access for the disabled, British Humanist Association, 27 May – 14 June 2013, Item 8 General Debate, United Nations Human Rights Council, 23rd Session

[4] Hanseth, O und Lyytinen, K., Design Theory for Dynamic Complexity in Design Theory for Dynamic Complexity in Information Infrastructures: the case of building internet. 25 (1), 2010, S. 1-19

[5] Bygstad, Bendik, Generative innovation: a comparison of lightweight and heavy ICT, Journal of Information Technology, 24. 05 2016, S. 1-12

[6] Baldwin, C und Woodard. Harvard Business School. [Online] 2008, http://www.hbs.edu/faculty/Publication%20Files/09-034_149607b7-2b95-4316-b4b6-1df66dd34e83.pdf

[7] Just Ebbesen, CEO des Kalnes Hospital, Ostfold, [Online] [Zitat vom: 04. 02 2018] http://www.himss.eu/sites/himsseu/files/community/community_presentations/SeHS2017_Terje_Gaardsmoen.pdf

[8] Deutsches Ärzteblatt, H. E. Krüger-Brand, Digitalisierung im Krankenhaus: Der Infrastruktur fehlt die Finanzierung, 2017, [Online] [Zitat vom: 04. 02 2018.] https://www.aerzteblatt.de/archiv/195006/Digitalisierung-im-Krankenhaus-Der-Infrastruktur-fehlt-die-Finanzierung

Publikation

Erschienen im Rahmen eines Key Note Speeches unseres CEOs Hannah Bock-Koltschin an der Ulmek 2018. Artikel des Tagungsbandes :6. Ulmek Symposium 2018 – Medizintechnik Aktuell,  Sicheres Datenmanagement – Aufgabe für Medizintechnik und IT

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